Hefefabrik → Geschichte

Geschichte der alten Hefefabrik (heute Energiefabrik zu Görlitz)

Anfänge und Entwicklung zur Görlitzer Brennerei
An der westlichen Ausfallstraße der Via Regia der spätmittelalterlichen Stadt Görlitz gelegen, ist seit alters her das Terrain an der Spitze der Bautzener Straße zur Hilgerstraße landwirtschaftlich und später gewerblich genutzt worden. Ende des 18. Jahrhundert wurden in den Niederungen des Geländes Tongruben für die Ziegelherstellung ausgehoben, welche die  schnell expandierende Stadt in dieser Zeit dringend benötigte. Mitte des 19. Jahrhunderts, als die wirtschaftliche Blütezeit vor ihrem Höhepunkt stand, ließ der Besitzer des Stadtgartens und des Gasthofes “Zur Stadt Leipzig”, Augustin Schmidt, in der Nähe seines Wohnhauses an der Hilgerstraße 1858 eine Dampf-Mälzerei-Brennerei und nördlich davon einen Ziegelofen mit Trockenscheune durch den Maurermeister Höpert planen und errichten. Schon 1862 wurde das Grundstück mit den darauf befindlichen Gebäuden an die Herren Koch und Hagspihl aus Dresden verkauft. Bereits ein Jahr darauf zahlte Guido Oswald Hagsphil seinen Partner Koch für 40.000 Reichsmark aus und war damit alleiniger Besitzer der "Görlitzer Getreidebrennereien, Presshefe - Sprit - und Malzfabriken". Zudem firmierte er fortan zusätzlich mit Hagsphil & Co.

Guido Hagspihl - kein gewöhnlicher Industrieller
Der am 1. Januar 1836 in Bischofswerda geborene Guido Hagsphil gehörte mit seiner Familie zu den Pionieren der Görlitzer Industriegeschichte. Seine kaufmännischen Fähigkeiten, eigenen Entwicklungen sowie sein Gespür für Zeitgeist und technische Neuerungen ließen den Betrieb zu einem florierenden Unternehmen werden. Revolutionär waren nicht nur die Erfindung der Presshefesiebmaschine durch Hagsphil, sondern viele seiner Zeit technisch wie gesellschaftlich vorausgehende Weiterentwicklungen.
Dank seines Erfolges war Hagsphil in der Lage, sich ab 1897 eine zweite repräsentativere und bedeutend größere Villa in der Goethestraße 5 errichten zu lassen. Sie zählt auch heute noch zu den besonderen Gebäuden in der Stadt und diente zu DDR-Zeiten als "Schule für Binnenhandel" und "Schule für Sozialwesen". Leider hat die Erbengemeinschaft bisher kein Interesse an einer Restauration der Villa und somit steht diese seit 1990 zum Verkauf. Die Villa auf dem Fabrikgelände Bautzener Str.32 diente zu Zeiten Hagspihls zunehmend als Büro- und Verwaltungsgebäude mit einer Dienstwohnung.
Ein interessanter Aspekt der fortwährenden Bautätigkeit in dem “Industriepark” ist die Errichtung einer Kegelbahn im Jahre 1880, die gemeinsam mit einer Parkanlage mit seltenen Gehölzen wie z. B. einem Ginkgo, drei aufwendigen Brunnenensembles und einer Orangerie für die Freizeitgestaltung seiner Arbeiter und Angestellten vorgesehen war. Er arbeitete dazu mit namhaften Landschaftsarchitekten zusammen. Zudem sorgte Hagspihl für Mitarbeiterwohnungen mit eigenen Schrebergärten, die gerade neu aufkamen und sein starkes soziales Engagement erkennen lassen.
Neben seinem Wirken für die Mitarbeiter engagierte er sich in der Lokalpolitik, gehörte zu den Stadtälteren und war als kultureller Gönner und Mäzen bekannt. So unterstützte er auch den Bau der “Oberlausitz'schen Gedenkhalle” (oder "Ruhmeshalle", heute "Dom Kultury"), welche sich im heutigen Zgorzelec befindet. Um die Zeit von 1907 zog er sich langsam aus dem Geschehen der Fabrik zurück und überließ seinen beiden Söhnen die Geschäfte.

Die Fabrik unter Familie Hölzer
Nach dem Ableben des Stadtrates, Fabrikbesitzers und Rittergutsbesitzers Guido Hagspihl 1915 übernahmen die Söhne endgültig die Geschäfte und 1926 wurde die gesamte Fabrik für 600.000 Reichsmark an die Familie Hölzer verkauft, die auch Eigentümer der “UNION Leipziger Presshefefabriken und Brennerei AG” in Leipzig-Mockau waren.
Die Görlitzer Fabrik wurde 1938 in eine Aktiengesellschaft unter Beteiligung der Henkel & Cie. AG umgewandelt und firmierte weiter unter dem Namen “Görlitzer Getreidebrennerei Hagspihl und Co.”

Entwicklung nach dem 2. Weltkrieg
Nach dem 2. Weltkrieg 1945 war die Fabrik erst durch einen Treuhänder in Verwaltung, bis 1955 die Enteignung der Firmeninhaber erfolgte. Die Umstrukturierung in einen volkseigenen Betrieb der DDR und die Eingliederung in die VEB Bramsch –Dresden wurde veranlasst. Die Produktion von Alkohol und Spiritus trat in den Hintergrund, es wurde vornehmlich Hefe - ein Abbauprodukt der Alkoholproduktion - für die Lebensmittelversorgung gebraucht. So wurde die Fabrik eine von fünf der DDR, welche Hefe für die Staaten des Ostblocks produzierte. Es wurden jährlich etwa 4400-4700 t Hefe produziert und 17600-19000 hl reiner Alkohol. Durch die vielen Feiertage und Feste zu DDR-Zeiten gab es Spirituosenmangel, deshalb wurde stetig dafür gesorgt, dass solche produzierenden Betriebe immer vorrangig mit neuster Bürotechnik und Rohstoffen versorgt wurden. Bis zum Jahr 1990 firmierte das Unternehmen unter “VEB Bramsch, Betriebsteil Backhefe Görlitz, Nahrungsmittelkombinat Magdeburg” und dem Ehrentitel “Betrieb der ausgezeichneten Qualitätsarbeit”. Die Auszeichnung der Güte der Hefeproduktion in der Vergangenheit ist noch heute durch eine Vielzahl von Urkunden belegbar.

Geschehnisse nach der Deutschen Wiedervereinigung
Die Berliner Treuhandgesellschaft verkaufte im März 1991 die VEB Backhefe an den Brennereibesitzer Bernhard Icking. Die weitere Produktion von Presshefe ist aus wirtschaftlichen Gründen, abgesehen von der Tatsache, dass einige Maschinen verschwanden oder vor der Übernahme verkauft wurden, eingestellt worden. Die “Görlitzer Kornbrennerei und Spiritusfabrik B. Icking KG” stellte unter geschickter Umnutzung sowie vor allem technischer Verbesserung und sukzessiver Erneuerung der Anlagen bis ins Jahr 2001 Rohalkohol her. Auch wurde eine Zweigstelle im benachbarten Reichenbach mit einer Kartoffel-Brennerei errichtet. Die Änderung des Bundesmonopolgesetzes 1998 mit Wirkung zum Jahr 2001 stellte einen dramatischen Einschnitt für den Produktionsstandort dar, weil ihm durch die Gesetzesänderung unvorbereitet die finanzielle Grundlage entzogen wurde.
In diesem Jahr stieß Birgit Beltle auf der Suche nach einem Produzenten für ihre geplanten “Görlitzer Geister” auf die Familie Icking. Die gelernte Tischlerin fand fortan tatkräftig Unterstützung und u.a. geeignete Räumlichkeiten. Seit dieser Zeit verbindet sie die Liebe zum Industriedenkmal, ihrer Historie und auch die Herausforderung der Entwicklung neuer Technologien. Aus diesen Gemeinsamkeiten heraus konzipierten sie erste Veranstaltungen in Fabrik und Gelände, z.B. 2002 beim Jazz Festival als “Unerhörter Ort” mit 6 Bands in der Fabrik und einer großen Studenten-Party sowie einem Historienfest zum “Tag der offenen Sanierungstür“.
Als 2003 das endgültige “Aus“ für eine weiterführende Produktion fest stand und man sich gleichzeitig um geplante Abrisse der Gründerzeitbebauung sorgen machen musste, schlossen sich Gleichgesinnte unterschiedlicher Fachbereiche mit dem Eigentümer der Brennerei zusammen, um sich u.a. durch die Entwicklung von Konzepten für den Erhalt der Industriedenkmäler einzusetzen und das Herausstellen der Görlitzer Potentiale zu bewirken. So wurde der Ideenfluß e. V. am 11.07.2003 in der Villa Hagsphil gegründet.
In den folgenden Jahren unterstützte die Familie Icking die Arbeit des Vereins, wie auch der Ideenfluß e. V. sich um die Villa, Fabrik und Gelände im Rahmen seiner finanziellen Möglichkeiten kümmerte. Im Rahmen der Satzungszwecke führte der Verein u.a. Maßnahmen der Internationalen Jugendarbeit, der Jugendberufshilfe und zur Wiedereingliederung in den 1. Arbeitsmarkt durch und trug damit zum Erhalt und zur Belebung des Geländes bei. Man sammelte über die Jahre eine Fülle an Informationen zur möglichen Nutzung zusammen. Mit einem neuen Konzept und der neuen Nutzungsphilosophie “Kompetenzzentrum für Erneuerbare Energien und Kulturguterhalt”, änderte sich 2005 der Namen der Fabrik in „Energiefabrik“. Jedoch fand diese neue Bezeichnung über die letzten Jahre nur schwer Akzeptanz. Für die Görlitzer blieb sie im Volksmund die geliebte stinkende „Hefebude“.
Der philosophische Schwerpunkt liegt darin, die diesem kulturellen Industriedenkmal innewohnenden Traditionen und "verbrauchte" Energie in einer Form geistig junger sowie nachhaltiger, kultureller und umweltgerechter "neuer" Energie widerzuspiegeln und bewährte sowie innovative Konzepte in Einklang zu bringen.
Einen konzeptionellen Schwerpunkt bildet ein Kreativzentrum für Künstler, Handwerker und Kulturschaffende, das über die Region hinaus strahlen soll. So beinhaltet das Konzept ein neues Leben, Arbeiten und Wohnen was kreativ, innovativ und nachhaltig miteinander verbindend unter Einsatz erneuerbarer Energien und Technologien abläuft.
Leider blieben größere Investitionen seitens der Familie Icking bisher aus, um eine notwendige Komplettsanierung durchzuführen. Kulturelle Veranstaltungen wurden seit 2013 z. B. mit der erfolgreichen, von Kultur & Management-Studenten der Hochschule Zittau/Görlitz organisierten Kunstausstellung "Zukunfsvisionen" wieder aufgenommen.

Frische Energie und neue Perspektiven
2013 wurde zudem ein erneuter Wechsel auf dem Fabrikgelände vollzogen. Ein neuer Verwalter und zuständiger Hausmeister wurde eingesetzt und auch der Ideenfluss e. V. wechselte sein Hauptsitz und zog aus den Büroräumen der Fabrikvilla. Ein neuer Verein für Jugendarbeit fand seinen kreativen Standort, der Second Attempt e. V.
2014 starteten einige Fotoausstellungen in den Fabrikräumlichkeiten, welche zu einem Geheimtipp für Liebhaber von Industriefotografie wurden. Ein großes überregionales fokus Festival 2014 folgte und auch Schulunterricht, Konzerte, Theateraufführungen fanden Anklang in den Fabrikhallen und bei den zahlreichen Besuchern.
Es muss wohl an diesem besonderen Ort liegen, dass sich nach dem Begründer Hagsphil und seiner Familie, die Ickings im selben Geiste der Innovation, Kreativität und menschlichen Wärme um die Entwicklung dieses Geländes im Sinne seiner Stadt und Bewohner kümmern. Vielleicht liegt es auch daran, dass beide Familien miteinander verwandt sind, wie sich herausstellte!

Mehr Infos über den Werdegang ab 2013 erfahrt ihr hier

Galerie

Bilder zur Geschichte der alten Hefefabrik