Wie lange seid ihr schon in Görlitz und was macht ihr derzeit hier?

Olli: Ich bin seit September 2013 hier und studiere Soziale Arbeit im 5. Semester.

Jessi: Ich bin auch seit 2013 hier, studiere Kultur und Management und bleibe wahrscheinlich auch länger in Görlitz, da ich ja jetzt beim Second Attempt bin.

Und wie würdet ihr Görlitz in einem Satz beschreiben?

Jessi: Görlitz ist ein richtig schönes, familiäres Städtchen, in dem sich jeder kennt und wo man auch immer die Chance hat, sich an allem zu beteiligen.

Olli: Entgegen der Stimmen, die immer sagen Görlitz sei langweilig, würde ich sagen Görlitz ist das was man draus macht.

Görlitz „boomt“ ja in Bezug auf soziale und kulturelle Projekte, Initiativen und Organisationen. Wie würde Görlitz eurer Meinung aussehen, wenn das nicht so wäre.

Jessi: Dann gäbe es wirklich nix. Dann gäbe es wirklich eine schöne Architektur und eine schöne Altstadt durch die man spazieren könnte, aber das wäre es auch. Dann ab nach Zgorzelec.

Olli: Für mich gibt es immer noch eine klare Linie zwischen dem touristischen Görlitz und dem studentischen „Insider-Görlitz“. Ich denke das Touristen-Görlitz würde ohne die studentischen Initiativen zwar bestehen, wäre aber für junge Leute noch unattraktiver.

Und jetzt stellt euch vor – Wir haben 2013 und dieses Horrorszenario wäre die Realität - hättet ihr euch trotzdem für Görlitz entschieden? 

Olli: Ich habe mich für Görlitz entschieden, weil es für mich hier die Möglichkeit gibt in einem riesengroßen See Schwimmen zu trainieren und weil die Stadt einen Fluss hat. Ich habe mich da an ganz simplen Sachen orientiert. Ich habe mich auch vorher über keine Vereine & Co. informiert.  

Jessi: Bei mir war es das Gleiche. Mich hat auch einfach die Stadt angesprochen. Ich kannte es vorher nur ein bisschen. Aber man hat es immer wieder gehört, dass Görlitz sich selber organisiert.  Auch wenn das Angebot nicht immer öffentlich gemacht wird, sind die Leute immer beschäftigt. Man ist viel unterwegs. 

Olli: Das man direkt an der Grenze wohnt, hat mich auch angezogen. Das hatte ich noch nie und ich wollte mal erfahren wie das ist.

Tangiert euch das, dass die Stadt zwei Teile hat?

Jessi: Nein, man hat sich daran gewöhnt. Mir gefällt es das ich nicht jeden Tag die gleichen „deutschen“ Gesichter vor mir habe, sondern das ich einfach auf der Straße rumlaufe und auch viel Polnisch höre. Oder auch die polnische Kost genieße und mal im Dom Kultury sein kann, wenn ich mal keine Lust auf die „deutsche Seite“ habe. Aber im Alltag ist es nichts Großes.

Olli: Man wird von außerhalb immer darauf angesprochen: “Und wie ist das so an der Grenze zu wohnen?“ Und ich finde es sehr wohl oft präsent, gerade durch die Leute die von Polen nach Deutschland ziehen. Wir haben in unserem Haus mittlerweile zwei Wohnparteien, in denen polnische Leute leben. Und ich finde das angenehm, genau so wie Leute auf der Straße zu hören, die ich gar nicht verstehe.

Jessi: Ich finde es auch interessant, wenn man Projekte und Initiativen, wie das Stadtfest oder der Weihnachtsmarkt, noch einmal aufgreift, dass es immer wieder verschmilzt  und Görlitz und Zgorzelec zusammenfügt. Ist schon etwas anderes als in anderen Städten.

Olli: Ich genieße auch das Gefühl über die Brücke zu fahren und dann einfach mal durch die Stadt zu laufen. Das fühlt sich irgendwie ganz merkwürdig an. Als ob man von jetzt auf gleich den Ort gewechselt hat, obwohl man nur über die Brücke fährt. Die Häuser sehen anders aus, die Menschen sind ein bisschen anderes gekleidet und sie gestikulieren anders. Das spürt man und das genieße ich wenn ich auf der „anderen Seite“ bin.

Und könntet ihr euch vorstellen nach eurem Studium noch hier zu bleiben – für längere Zeit?

Jessi: Ich habe den Wunsch in Görlitz zu bleiben. Einfach weil ich die Stadt gut kennen gelernt habe und mich hier super wohl fühle. Es ist halt, wie schon gesagt, ein so familiäres Städtchen. Man hat immer eine Anlaufstelle, ganz egal ob man ein Projekt machen möchte oder als Privatperson. Man kann mal kurz um die Ecke gehen und kennt jeden. Ich habe Kommilitonen die sich über Görlitz aufregen und sagen: „Hier geht nix!“ und dieses typische Wort „Görlitzdepression“ benutzen. Und genau das reizt mich zu sagen „NE!“ so ist das nicht, sondern lieber aktiv werden und selber etwas machen und wenn dann nach Jahren immer noch nix los ist, kann man drüber nachdenken wegzugehen. Und so ist bei mir jetzt der Wunsch entstanden nicht nur hier zu wohnen, sondern auch aktiv an der Stadt mitzuarbeiten.

Olli: Also momentan schwimme ich in so einer Empathie-Sozi-Reflektions-Suppe, die mir Mega auf den Kecks geht. Mir fällt die Decke auf den Kopf. Ich muss auf jeden Fall nach meinem Studium erst mal irgendetwas anderes machen. Aber ich denke es ist lohnenswert zurück zu kommen - nach einer Pause.  Wenn mich das Projekt weiterhin mit Motivation füttern und ich mich einbringen kann, dann würde ich auch da bleiben. Aber wenn es die Möglichkeit gibt, würde ich erst mal Abstand nehmen und später wieder zurückkommen.  

Was denkt ihr, wenn Görlitz der neue Geheimtipp – das neue „Berlin“ – unter  den Städten wird?

Jessi: Es würde auf jeden Fall viel mehr geileren Bioscheiß geben. Das fehlt in Görlitz – Essen. Görlitz hält sich immer sehr ruhig und viele kleinere Projekte und Einrichtungen, haben manchmal dieses Konkurrenzdenken und das würde wegfallen.  Das heißt, es gibt am Wochenende nicht nur eine Veranstaltung sondern drei und die Leute hätten die Wahl. Ohne das dann der eine Club zum anderen sagt: “Oh du nimmst mir die Leute weg.“  Das würde Görlitz am Ende auch ganz gut tun.  

Olli: Kommt darauf an wo sich ein Szeneviertel etablieren würde. Ich mag es schon durch die verschlafene Innenstadt zu laufen. Und wenn die Berlin komplett leerräumen und alle hierher verfrachten würden, würde ich glaube ich nach Berlin ziehen. Ich mag das nicht wenn alles durcheinander wuselt.

Jessi: Ich finde es auch schöner wenn man einen Überblick hat und das auch so bleibt in Görlitz. Aber ich bin der Typ der gern nach Hause geht und nicht jeden Abend das Gefühl hat es ist Sonntag. Ich fände es schön, wenn auch abends ein bisschen Leben in die Stadt kommt.

Olli: Wenn durch mehr Bewohner, solche Dinge wie offene Angebote in der Stadt akzeptierter werden und es sich lohnt einen riesen Skateplatz zu bauen, dann würde ich das befürworten. Aber wenn jetzt Leute hierher kommen die noch ein Wettbüro und noch eine Spielothek aufmachen – da hätte ich keinen Bock drauf.

 

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