1. Stellt euch doch mal kurz vor. Wer seid ihr? Was macht ihr und wie seid ihr zum Café Hotspot gekommen?

Hannes: Ich bin im Herbst 2016 und mal wieder auf der Suche nach Veränderung, mit meiner Freundin und meiner kleinen Tochter nach Görlitz umgesiedelt. Die Stadt kenne und besuche ich nun bereits seit einigen Jahren, dadurch, dass es bereits mehrere Freunde unseres „Freiberger Klüngels“  hierher verschlagen hat. Sie ist mir mittlerweile richtig ans Herz gewachsen durch ihr einzigartiges Stadtbild und ihre Architektur. Außerdem ist es eine Stadt in der sich wirklich noch etwas bewegen lässt. Mein im Herbst begonnener Masterstudiengang startete mit der Maßgabe, in diesem Semester ein Praktikum zu absolvieren und da ich den anderen Hannes schon sehr lange kenne und er davon sprach das Café HotSpot längerfristig wiederzueröffnen sind wir da schnell auf einen Nenner gekommen.

Julia: Ich bin Julia und arbeite hauptamtlich für die Volkshochschule Görlitz. Dort habe ich viel mit Geflüchteten zu tun und habe dort schon ein paar Projekte insbesondere für unbegleitete minderjährige Asylsuchende (UMAs) angestoßen. Ich habe die Jungs und ihre Lebenswelt dadurch ein bischen besser kennengelernt. Internetzugang ist für die Jugendlichen ganz wichtig, da sie über ihre Handys die einzige Verbindung zu ihren Familien und Freunden herstellen können. Deswegen halten sie sich auch so viel auf dem Marienplatz auf, wo man am Tag eine halbe Stunde kostenfrei surfen kann. Sie nennen den Marienplatz immer nur HotSpot. Gemeinsam mit Hannes & Lorenz von „Kfünf“ ist die Idee entstanden, diesen Bedarf aufzugreifen und zu thematisieren. Da die Leute von Kfünf in Görlitz immer wieder temporäre Barprojekte realisieren ist daraus schlussendlich die Idee für das Cafeprojekt entstanden.  

Hannes

2. Wie ist das Café Hotspot entstanden? Welchen Bedarf habt ihr in Görlitz gesehen?

Hannes: Es wurde aus einer Situation heraus gegründet, die sich in vielen Städten erkennen lässt. Kaum unkommerzielle Freiräume, wenig Treffpunkte für Jugendliche, gerade für die in der Innenstadt lebenden unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten. Speziell für diese Menschen existierten keinerlei Rückzugsmöglichkeiten, auch vor dem Hintergrund von rassistischen Übergriffen in Bautzen und auch in Görlitz.

Julia: Hannes und Lorenz von Kfünf haben im Sommer im Rahmen des Werk.Stadt.Gartens auf dem RABRYKA-Gelände mit UMAs die Möbel für das Café gebaut. Mit viel Herzblut von Kfünf, großem Entgegenkommen des Vermieters und Unterstützung einiger Geflüchteter und Görlitzer Initiativen ist dann am Obermarkt das Café eingerichtet worden: ein Provisorium mit Charme und Charakter. Während der Projektphase im September haben wir gemerkt, dass wir mit dem Café HotSpot für ziemlich viele Menschen einen Ort geschaffen haben, der so in Görlitz gefehlt hat. Es kamen nicht nur Refugees und Studies, sondern viele Menschen der Stadtgesellschaft waren neugierig, was da passiert. Natürlich gab es im September viele Veranstaltungen und wir hatten eine unglaublich schöne weltoffene Atmosphäre in unserem Hof. Integration hat hier stattgefunden ohne das sie thematisiert wurde, einfach so ohne bedeutungsschwere Konzepte. Durchweg alle haben gefragt, wie es nun weitergeht und das wir über den September hinaus „für immer“ bleiben sollten. Dann haben wir überlegt, wie das aussehen kann und ein Teil vom Team hat es gewagt, weiter zu machen.

Hannes

3. Welche Ziele verfolgt ihr mit dem Café Hotspot und mit dem was ihr da tut?

Hannes: Das Café soll ein Ort sein der die Menschen zusammenbringt – egal ob Studi, Geflüchteter oder alteingesessener Görlitzer. Gleichzeitig möchten wir mittelfristig die Kneipen- & Kulturlandschaft etwas erweitern.

Julia: Wir wollen in erster Linie einen Raum öffnen, der „allen“ zur Verfügung steht. Zu uns kann man kommen zum quatschen, kickern, surfen, Kaffee / Tee und Cocktails trinken. Alles kann, aber nichts muss: damit sind wir kein klassisches Café obwohl es – bewusst gewollt – trotzdem alles bietet, was dazu gehört. Natürlich nutzen unsere kostenfreien Angebote viele Refugees. Sie sind dankbar, im Alltag ihr „Sprachkursdeutsch“ anwenden zu können. Viele haben Fragen zu den typischen organisatorischen Fragen des Alltags oder verstehen Briefe nicht, die sie bekommen. Da versuchen wir so gut es geht zu helfen oder zu vermitteln und damit auf unkompliziertem Wege das Ankommen zu erleichtern. Und natürlich möchten wir in 2017 wieder Veranstaltungen organisieren und damit das kulturelle Stadtleben bereichern. Hier ist es uns wichtig, die Ideen unserer Gäste einzubinden und Sachen zu machen, die den Blick der Leute über den Tellerrand befördert. Wie sind zwar hier im Herzen Europas, aber nicht der Nabel der Welt!  

Hannes

4. Wie sieht so ein ganz gewöhnlicher Tag im Café Hotspot aus?

Hannes: Wir öffnen mittwochs bis sonntags um 14 Uhr. Dann kommen so langsam die ersten UMAs zum Kickern und abhängen. Es wird gesurft und geredet. Weitere Nachmittagsbesucher sind erwachsene Geflüchtete, einzelne Görlitzer oder Touristen, die mal reingeschneit kommen oder Freunde, die uns besuchen. Ab abends sind dann vor allem Studis und Junge Stadtbewohner unsere Gäste.

Julia: Es gibt keinen gewöhnlichen Tag bei uns:-) Nachmittags ist es in der Woche meist etwas ruhiger, die UMAs kommen sehr regelmäßig, haben bei uns so eine Art zweites zu Hause. Am Wochenende haben wir nachmittags auch oft Touristen zu Gast. Gegen Abend kommen so einige zum Feierabendbier vorbei, manchmal wird es kurz vor zehn nochmal richtig voll. Freitags kommen immer viele Syrer, das ist im arabischen Raum der Feiertag.  

Hannes

5. Ihr macht ja gerade eine Spendenkampagne für das „Hotti“ auf betterplace.org. Erzählt doch mal, was mit dem Spenden passieren wird?

Hannes: Die Spendengelder sollen uns mittelfristig ermöglichen, unsere Betriebskosten zu decken und den nachmittäglichen Freiraumcharakter zu erhalten. Dies ist eine wichtige Grundlage für uns, unser Konzept umzusetzen und zu erweitern und auch wieder Veranstaltungen durchführen zu können.

Julia: Wir sind ja für deutsche Verhältnisse schon sehr unkonventionell und schnell in den Dauerbetrieb mit dem HotSpot gestartet. Es ist generell schwierig institutionell gefördert zu werden, wenn man noch keine „etablierte Größe“ ist und wir wollten in der Bauphase auch keine Projekte ins Blaue beantragen, sondern erstmal schauen, wie sich das Café im Dauerbetrieb entwickelt. Damit wir dafür den Rücken frei haben und erstmal unabhängig von Förderungen agieren können, haben wir auf den vielen ermutigenden Support in unserem Umfeld vertraut und gedacht: dann helft uns doch, einfach loszulegen! Und es klappt super, viele Leute haben gespendet und fragen im Café nach, wie sie uns unterstützen können. Und so haben wir für Miete, Strom und Netz erst mal ein finanzielles Polster. Die Spenden helfen uns also unser Herzensprojekt, was wir schon größtenteils ehrenamtlich umsetzen, nicht noch mit privatem finanziellen Risiko zu belasten. So bleibt es bei Lust statt Frust – das ist verdammt wichtig für die „Happy Hotti Atmosphäre“! Thank you very very much!  

Hannes

6. Was wünscht ihr euch für die Zukunft des Café Hotspots?

Hannes: Dass das Projekt – auch unabhängig vom Ort - langfristig bestehen kann und vielleicht als Idee auch Schule macht. Außerdem wäre es schön, wenn das Café vielleicht auch von anderen Menschen als den avisierten Zielgruppen angenommen wird und zu konstruktivem Austausch und Miteinander in der Stadt beitragen könnte.

Julia: Wir sind am Obermarkt ja erst mal nur bis 2018 und gespannt, was sich im kommenden anderthalben Jahr so entwickelt. Wir freuen uns, wenn wir Migranten über die weltoffene Atmosphäre hinaus einen Ort bieten können, an dem sie sich gleichberechtigt einbringen können und damit in Görlitz tatsächlich eine gefühlte Heimat finden. Das Caféprojekt ist ein wichtiger sozialer Raum für die Stadt, der mit etwas eigentlich Selbstverständlichem neue Impulse setzen will. Wir wünschen uns, dass dies in seiner Existenz so anerkannt und wertgeschätzt wird.

Hannes