Der Second Attempt ist ein seit 2003 bestehender Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat Eigeninitiative, Engagement und Ideen junger, kreativer Menschen zu unterstützen und zu fördern. Die Arbeit und Initiativen des Vereins richten sich darauf, das soziokulturelle Leben durch kulturelle Jugendprojekte und Workshops zu bereichern und vielen Jugendlichen in Ostdeutschland und Polen die Perspektivlosigkeit zu nehmen. Mit der vorliegenden Betreiberkonzeption für ein Zentrum der Jugend- und Soziokultur in Görlitz sehen wir die Möglichkeit, die Ziele unseres Vereins weiterzuverfolgen.

0. Zusammenfassung

Das Zentrum für Jugend- und Soziokultur in der Europastadt Görlitz-Zgorzelec ist eine Plattform, mit der wir gemeinsam die Zukunft unserer Stadt gestalten werden. Es aktiviert, befähigt und ermutigt vor allem junge Menschen zum Bleiben oder Rückkehren und Gestalten ihres Lebensumfeldes. Die stark partizipativ ausgerichteten Methoden führen zu einem selbstbestimmten und damit innovativen und kreativen Zentrum. Als Betreiber des Zentrums wollen wir nach dem Ansatz Empowerment handeln: Im Vordergrund steht die Ermächtigung und Übertragung von Verantwortung. Im Zentrum für Jugend- und Soziokultur findet dieses Prinzip seine räumliche Entsprechung durch die Übergabe von frei zugänglichen Räumen. Durch sparten- und generationsübergreifende sowie interkulturelle Formate werden Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten vermittelt. Des Weiteren werden kulturelle Angebote und eine Aufenthaltsmöglichkeit geboten.
Der Stadt bietet sich durch die Kombination des Zentrums mit dem Gelände der Energiefabrik eine einzigartige Chance: Aktive junge Menschen verwirklichen dort schon heute diese Vision im Kleinen und sind bereit, sich mit der selbstständig erarbeiteten Infrastruktur am Aufbauprozess zu beteiligen. Mögliche Synergien, die sich mit der Jugendkulturszene, der Willkommenskultur, der Nachbarschaft, der Demokratieentwicklung und der Kreativwirtschaft ergeben, können sich von Beginn an entfalten.

Ein Tag im Zentrum 2020
Die Jugendlichen kommen nach der Schule in das Zentrum. Karol baut gerade in der offenen Werkstatt seine Lampe fertig, aus Holz – selbst gemacht. Seine Schwester Frida steckt in einer Diskussion mit ihren Freunden. Das A-Team wertet den letzten Stadtratsbeschluss zur Sanierung der Stadthalle aus. Vater Lars, Mitarbeiter bei Bombardier, schaut nach dem Feierabend kurz vorbei und bleibt auf einen Espresso auf der Terrasse zum Garten. Seine Frau Katarzyna kommt aus ihrem Büro und setzt sich zu ihm, sie ist gerade dabei, ein eigenes kleines Unternehmen zu gründen. Oma Hilde indes läuft über die Parkanlage und spricht mit den Stadtgärtnern, während Opa Walter im Bürgerrat den Umbau des naheliegenden Spielplatzes am Lutherplatz bespricht. Viel Zeit haben sie nicht, heute Abend gibt es ein Konzert: Lambert. Ein neuer Pianist, der gerade Jung und Alt begeistert, spielt im Zentrum. Die Band kehrt in der Gastronomie ein, wo sich langsam auch Workshopleiter und ein paar ältere Semester zum Abendessen einfinden. Eine Studentengruppe, die in den Vorbereitungen zum Projekt Zukunftsvisionen steckt, kommt aus dem Meetingraum und freut sich auf das Konzert.

1. Situation & Motivation

1.1. Rahmenbedingungen der Stadt Görlitz-Zgorzelec

Görlitz-Zgorzelec, Europastadt gelegen an der deutsch-polnischen Grenze, hat eine starke Zivilgesellschaft. Seit Jahrzehnten gestalten die Görlitzer und Zgorzelecer die Herausforderungen einer globalisierten, modernen Gesellschaft. Indes zeigt der städtische Strukturwandel auch seine Schattenseiten: Abwanderung von gut ausgebildeten Arbeitskräften und hoher Leerstand prägen die Stadt.
Doch seit einigen Jahren bewegt sich etwas. Die Stadtverwaltung öffnet sich spürbar für neue, kleinteilige Formen der ideellen Stadtraumentwicklung. So bieten sich mehr Möglichkeiten zur Stadtgestaltung für Anwohner, Kleingewerbe und gemeinnützige Gruppierungen. Dennoch: In kaum einer anderen Stadt liegen die Potenziale leerstehender Gebäude so offen und ungenutzt dar. In kaum einer anderen Stadt identifiziert sich die hiergebliebene ältere Generation so stark mit ihrer Region. Nun gilt es, diesen Geist auch an eine jüngere Generation weiterzugeben. Dabei wird Hilfestellung benötigt, um ein neues Verhältnis zu ihrer Heimat aufzubauen und um aktive Gestalter ihres Lebensumfeldes zu werden. Sie sollten dabei auch die Vorteile der Kleinstadt gegenüber urbanen Zentren entdecken. Hier setzt unser Betreiberkonzept für das neue Zentrum für Jugend- und Soziokultur in Görlitz-Zgorzelec an.

1.2. Idee

Um die Herausforderungen der nächsten Jahre zu meistern, ist ein breites Engagement der gesamten Stadt erforderlich. Es sind nicht nur die Kompetenzen der Fachexperten der Stadtverwaltung gefragt, sondern auch die der Bewohner der Europastadt. Zur Steigerung und Qualifizierung des bürgerlichen Engagements bedarf es eines Ortes, der sich durch professionelles Management nach innen und durch kontinuierliche, innovative Arbeit mit jungen Menschen nach außen auszeichnet. Dieser Ort ist das neue Zentrum für Jugend- und Soziokultur in Görlitz-Zgorzelec.
Als künftiger Betreiber kreieren wir einen Ort, an dem das Generationsübergreifende, das Interkulturelle und eine Willkommenskultur selbstverständlich sind. Zudem werden hier gezielt Kultur- und Kreativschaffende und deren wirtschaftliche Effekte unterstützt und explizit gefördert.
Das Zentrum für Jugend- und Soziokultur in der Furnierhalle und der Hilgerstraße begreifen wir als Frei- und Spielraum für Experimente, um Neues zu wagen und dabei auch das Positive im eventuellen Scheitern zu erkennen. Diese freien Räume ohne jeglichen Druck nutzen zu können und neue Perspektiven sowie Mitgestaltungsmöglichkeiten aufzuzeigen, müssen erhalten und gefördert werden. 
Junge Menschen benötigen einen Raum der nicht zu stark von institutionellen Strukturen durchsetzt ist, der vielfältig nutzbar ist und eigenverantwortlich verändert werden kann. Wir schaffen einen Raum, der nicht von Normen und Regeln dominiert ist. Dieser Raum sollte einen unverkennbaren Gegensatz zum Schul-, Studien- und Arbeitsalltag darstellen, in dem sich junge Menschen austesten und Erfahrungen in gruppendynamischen Prozessen sammeln können.
Als Betreiber des Zentrums machen wir es uns zur Aufgabe, Strukturen zu schaffen, in denen junge Menschen selbstständig denken, ihre Ideen gefördert werden und sie dadurch ihr Handeln reflektieren können. Durch aktive Einbindung verstärkt sich der Bezug zur und die Identifizierung mit der Stadt.

1.3. Ziele

Aus der Idee und den Rahmenbedingungen haben wir für das Zentrum für Jugend- und Soziokultur nachfolgend sechs langfristige Ziele bis 2020 abgeleitet:

  • Aktivieren - Wir ermutigen durch etablierte Angebote, Menschen zur aktiven Gestaltung ihres Lebensumfeldes
  • Räume - Wir stellen für Vereine, Gründer und Projektteams passende Räume und Infrastruktur bereit,  sodass die Auslastung des Zentrums bei über 85% liegt.
  • Wissen - Wir vermitteln durch monatlich stattfindende Weiterbildungen in der VereinsFabrik, der GründerFabrik und der Trial & Error Fabrik, projektbezogenes und fachspezifisches Wissen. 
  • Kunst und Handwerk - Wir fördern durch wöchentlich stattfindende Workshops in Werkstätten und in der Kulturschule künstlerische und handwerkliche Kompetenzen.
  • Gemeinschaft - Wir stärken durch regelmäßig stattfindende, grenzübergreifende und mehrsprachige Workshops in Projekten und der Kulturschule soziale und interkulturelle Kompetenzen.
  • Kulturelle Programmvielfalt - Wir etablieren mit dem Angebot Events ein innovatives und abwechslungsreiches Jahresprogramm, das sparten- und generationsübergreifende Formate für alle bietet.